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Wie mit jemandem in der Krise sprechen ?

von Alexander Liedtke

Etwa stündlich beendet ein Mensch in Deutschland sein Leben durch Suizid. „Dabei sind die
allermeisten, die versucht haben, sich das Leben zu nehmen, schon kurze Zeit später froh,
dass sie gerettet wurden“, sagt Alexander Liedtke, Greifswalder Arzt und Gründer von
Depribuddy, einer Onlineplattform, die sich an Menschen mit Depressionen und anderen
psychischen Erkrankungen richtet. Vor etwa 15 Jahre versuchte er sich das Leben zu
nehmen. Heute hat er es zu seinem Lebensinhalt gemacht, andere Menschen davon
abzuhalten. Sein neuestes Projekt ist die Lebensbox, die es in ähnlicher Form bereits in den
USA gibt und die er zusammen mit Anke Kaminsky aus Niedersachsen konzipiert hat.
„Wir arbeiten nach einem wissenschaftlichen Ansatz. Bei der Box aus den Vereinigten
Staaten geht es eher darum, den Menschen zu vermitteln, dass das Leben großartig ist und
es keinen Grund gibt, sich umzubringen“, erklärt Liedtke. 

Sie plädieren dafür, jemanden ganz konkret darauf anzusprechen, ob sich die Person
gegenüber Gedanken über Suizid macht. Könnte ich den anderen damit im schlimmsten Fall
nicht sogar auf dumme Gedanken bringen?

: Nein, diese Sorge ist unbegründet. Damit wecken Sie keine schlafenden
Hunde. Auf den vermeintlichen Ausweg Suizid kommt jeder Betroffene alleine. Ein Gespräch
wird jedoch als sehr entlastend erlebt. Suizidalität ist ein Prozess, in dem sich jemand immer
weiter aus dem sozialen Umfeld entfernt, die Überlegungen kreisen dann immer mehr um
den Suizid, man grübelt und grübelt. Wenn man aus der Gedankenschleife herausgeholt
wird und mit jemandem reden kann, kann man hingegen auf neue Gedanken kommen.

Was sind denn Anhaltspunkte, dass jemand sich mit Selbstmordgedanken herumschlagen
könnte?

Jeder Suizid entsteht aus einer Krise heraus, oftmals verbunden mit einer Depression.

Aber das muss nicht sein. Typische Situationen sind, wenn jemand einen nahen Angehörn
verloren hat, einsam ist, es eine Suchtproblematik gibt, sich der Partner getrennt hat. Wirkt
Ihr bester Freund, eine Freundin oder auch Ihr Lebensgefährte also sehr traurig und zieht
sich immer weiter zurück, dann sollten Sie ihn darauf ansprechen.

Was kann ich dann konkret sagen?

Dass sie sich große Sorgen um die Person machen. Fragen sie gezielt nach: "hast du Mal
mit dem Gedanken gespielt, deinem Leben ein Ende zu setzen?" Schaffen Sie dafür eine
ruhige Gesprächsatmosphäre. Es sollte sich um eine Situation handeln, in der Sie
entspannt eine Stunde miteinander reden können. Falls ein persönliches Treffen nicht
möglich sein sollte, können Sie das Gespräch auch am Telefon führen oder per WhatsApp.
Grundregel ist jedoch, dass es besser ist, überhaupt zu kommunizieren als gar nicht.
Und bieten sie konkret ihre Beziehung an, sagen sie: "wann kann ich dich das nächste Mal
sprechen? oder wie wär's, wenn wir übermorgen einen Kaffee zusammen trinken?". Seien
sie da für den betroffenen Menschen (natürlich ohne sich selbst dabei zu überfordern).
Soziale Kontakte ist einer der größten Schutzfaktoren um einen Menschen vor dem Suizid
zu bewahren.

Wie geht das Gespräch weiter, wenn die Person tatsächlich ja sagt?

Wenn jemand konkrete Pläne hat, sich das Leben zu nehmen und vielleicht sogar schon
etwas vorbereitet hat, sagen Sie der Person, dass Sie jetzt den Notarzt (112) anrufen
werden und die Person in die Klinik begleiten. Sie dürfen denjenigen dann nicht mehr vor die
Wahl stellen. Wenn jemand einen Schlaganfall erleidet, nicht mehr hören oder sehen kann,
fragen Sie die Person auch nicht, ob sie Hilfe möchte. Wer bereits Pläne hat, ist extrem
gefährdet, sich tatsächlich das Leben zu nehmen. Viele haben auch Angst vor der Klinik,
entweder weil sie nicht wissen, was dort auf sie zukommt oder auch einfach, weil sie gar
nicht in der Lage sind, sich auf dem Weg ins Krankenhaus zu machen.


Die Betroffenen sind mitunter so gefangen in ihren Gedankengängen, dass es ihnen wie
eine unüberwindbare Hürde erscheint, eine Tasche fürs Krankenhaus zu packen, weil sie
beispielsweise schon drei Wochen keine Wäsche mehr gewaschen haben und keine
saubere Unterwäsche da ist. Sie können dann einfach sagen: „Du brauchst deine
Krankenversichertenkarte und dein Handy. Alles andere bringe ich dir später.“

 

Ja, in unseren Köpfen geistern Bilder von geschlossenen Anstalten und Zwangsjacken
herum, die kaum etwas mit der Realität einer Psychiatrie zu tun haben. Wenn man nicht akut
gefährdet ist, kann man auch auf einer offenen Station untergebracht werden, wo man alle
zwei Stunden pflegerisch betreut wird, also in diesem engen Zeitabstand jemand zu der
Person kommt und nach ihr sieht.

Und was ist, wenn die Person im Gespräch keine konkreten Suizidpläne äußert?

Wenn jemand nur vage Fantasien hat, dass Suizid ein Ausweg sein könnte, fragen Sie nach,
was die Gründe sind. In einem solchen Gespräch ist es wichtig, dass Sie das Gehörte
wiederholen, um sicherzugehen, dass Sie alles richtig verstanden haben. Durch dieses
Paraphrasieren fühlt sich der andere auch verstanden. Sie sollten auf keinen Fall mit
Floskeln arbeiten wie „das wird schon wieder“ oder „Kopf hoch“. Das wirkt kontraproduktiv.
Fragen Sie nach, ob Ihr Gegenüber interessiert ist, mit Ihnen gemeinsam zu schauen,
welche Möglichkeiten zu weiterer Hilfe oder Lösungen es geben könnte. Hier ist auch wieder
wichtig, keine fertigen Lösungen vorzugeben. Sie können sich sicher sein, wenn es einen
einfach machbaren Ausweg für die Person gäbe, würde sie ihn gehen. Manchmal sind
Dinge, die für uns selbst vielleicht ganz einfach erscheinen, für eine andere Person schier
unmöglich. Es geht darum, Unterstützung anzubieten.

Ich hatte selbst auch einen Suizidversuch vor 15 Jahren.

Der akute Auslöser war, dass sich meine damalige Partnerin von mir trennte. Das war die
eine Schippe zu viel. Dass ich damals bereits an einer Depression litt, habe ich erst später
herausgefunden. Es war bei mir damals eine Kurzschlussreaktion, die ich innerhalb von 24
Stunden versuchte umzusetzen. Jeder Suizidversuch kann tödlich enden. Ich bin sehr froh,
dass es bei mir damals nicht geklappt hat. Niemand droht mit einem Suizid, weil er
jemanden erpressen möchte. Da spricht immer eine große Not aus der Person heraus. Das
sollte man stets ernst nehmen.

Die Lebensbox

Die Lebensbox ist ein Soforthilfeangebot für Menschen, die akut suizidgefährdet sind. In der
Box sollen sich Ampullen befinden, die nach Ammoniak riechen, ultrascharfe Bonbons und
Bälle mit scharfen Spitzen, die einen Schmerzreiz verursachen, wenn man sie über die
Hände rollt.
Idee hinter diesen Gegenständen ist es, Menschen, die in einer Denkschleife gefangen sind,
wieder ins hier-und-jetzt zurückzuholen. Durch die Arbeit mit den Inhalten der Box soll die
negative Gedankenspirale unterbrochen werden, sodass die betroffene Person wieder in die
Lage versetzt wird, sich Hilfe zu holen.
Wer beispielsweise durch eine Depression chronisch selbstmordgefährdet ist, kann die Box
auch mit nach Hause nehmen und sich in Akutsituationen damit helfen.
Die Box soll an Bahnhöfen, Schulen und anderen Suizid-Hotspots angebracht werden. Auch
Bibliotheken sind geeignet, damit die Hemmschwelle sinkt, sich Hilfe zu holen und zudem
das Wissen über jene oben genannten Gesprächsregeln weiter verbreitet wird (über
beiliegende Flyer).
10.000 Euro sollen als Startkapital für das Projekt zusammenkommen.

 

Wer sich finanziell beteiligen möchte, kann dies tun unter:

https://www.lebensbox.org/crowdfunding


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